Der Beckenboden

Bei der einen ist er überdehnt und schlaff, bei dem anderen zu eng und dauerhaft zusammengezogen, in der Balance befindet sich der Beckenboden, wie so manches Wichtige in unserem Leben, nicht oft.

Ein Grund dafür mag darin zu suchen sein, dass die meisten Laien diese Muskelgruppe im unteren Becken noch nie wirklich wahrgenommen haben. Wahrnehmen heißt ja auch, sich über die Aufgaben, Anforderungen und Bedürfnisse dieser Muskeln bewusst zu werden. Hier im Becken, irgendwo »da unten« an diesem Ort der Peinlichkeiten und „letzten medizinischen Tabus“ (WHO) befindet sich ein kompliziertes, weil vielschichtiges muskuläres Geflecht, das Harnröhre, Scheide und Enddarm umhüllt und trägt. Gesunde Muskeln des Beckenbodens stabilisieren die Lage der darüber liegenden Organe, z. B. die Position der Därme, der Leber, der Milz und der anderen Organe. Und sie stärken den Rücken. Aus dem Beckenboden kommt die »Kraft der Mitte«.

Wie die Spannkraft verlorengeht

Diese Spannkraft kann durch eine Geburt oder auch durch Heben schwerer Lasten nachlassen. Dann versagt die natürliche Biomechanik, die sich optimal an den aufrechten Gang angepasst hat. Organe wie die Gebärmutter und die Harnblase können sich mangels Halt durch den Beckenboden nach unten bewegen und Beschwerden verursachen. Am ehesten spürbar wird eine solche Senkung als Blasenschwäche – medizinisch als Inkontinenz bezeichnet – oder Stuhlverlust.

Aber nicht nur durch äußere Belastung, sondern auch durch inneren Druck kann es zur Schwächung des Beckenbodens kommen. Dabei sind die seelischen Ursachen in der Regel weniger offensichtlich. Wer denkt schon beim plötzlichen ungewollten Tröpfeln nach einem herzlichen Lachen, beim Husten, Niesen oder Heben einer schweren Einkaufstasche an psychische Auslöser? Wer verbindet Stress, Perfektionismus, mangelnde Flexibilität, geringes Selbstwertgefühl und hohe Anforderungen an sich selbst mit einer nachlassenden Kontrollfunktion bei Blase und Enddarm?

Was der »Körperflüsterer« hört

Aus ganzheitlicher Perspektive kann solch eine psychische Enge und Unbeweglichkeit mit der notwendigen Fähigkeit zur flexiblen Formveränderung von Blase und Dickdarm in Verbindung gebracht werden. Die Neurobiologie lehrt uns, dass unsere innere Haltung Ursache für die Zusammensetzung der neuroplastischen Botenstoffe ist, die wir selbst in jedem Augenblick in unserem Körper in Umlauf bringen. Dieser Cocktail beeinflusst in der Konsequenz auch die Fähigkeit der Muskeln des Beckenbodens, sich zusammenzuziehen und wieder zu entspannen.

Solche Disbalancen im Beckenboden betreffen Männer wie Frauen, allerdings tauchen Frauen in den Statistiken häufiger auf. In Deutschland sind etwa 4 bis 6 Millionen Menschen betroffen, Urologen vermuten eine deutlich höhere Dunkelziffer. Vielleicht weil vor allem ein »echter« Mann in diesem intimen, verschwiegenen Körperbereich niemals Probleme hat? Jedenfalls haben die Muskeln rund um das Becken viel Achtsamkeit, mit körperlichem Spüren und seelischem Empfinden zu tun, Fähigkeiten, die Frauen offenbar noch immer besser beherrschen als die Mehrzahl der Männer.

Zur Abklärung der Ursachen eines schwachen Beckenbodens sollte also nicht allein der körperliche Bereich dienen, sondern auch die psychische Befindlichkeit. Weil dem unfreiwilligem Abgang von Urin oder Stuhl nicht unbedingt eine Krankheit zugrunde liegt, ist auch aus Sicht der herrschenden Medizin eine sorgfältige Abklärung der Ursachen sinnvoll. So können verschiedene Formen der Inkontinenz erkannt werden.

Selbstheilung geht immer

Die gute Botschaft angesichts der peinlichen Schwäche ist, dass Inkontinenz in der herrschenden Medizin als häufig gut behandelbar und oft auch heilbar gilt. Der Neurobiologe Professor Dr. Gerald Hüther beschreibt dabei diesen so wie jeden anderen Heilungsprozess unkonventionell, aber präzise: „Heilung ist immer Selbstheilung“. Selbstheilung wiederum setzt voraus, sich mit den eigenen Empfindlichkeiten, Gewohnheiten, Glaubenssätzen und Verhaltensmustern zu konfrontieren und seine Einstellungen zu überdenken. Womit wir wieder zu einer wesentlichen Ursache für Störungen des Beckenbodens zurückgekehrt wären.

Auch mit einer schwachen Blase ist es möglich, wie gewohnt seinen alltäglichen Aktivitäten nachgehen. Wird frühzeitig mit einer der medizinisch empfohlenen Therapien (Physiotherapie bzw. Muskeltraining, Verhaltenstherapie, Pharmakotherapie, Operative Therapie und andere) begonnen, und ist gleichzeitig die Bereitschaft für eine nicht allein körperliche Perspektive vorhanden, dann ist die Aussicht auf eine erfolgreiche Behandlung besonders groß. Spezielle Übungen, besonders wenn Bewegung, Vorstellung und Berührung miteinander kombiniert werden, können helfen, die Beschwerden dauerhaft zu überwinden.

Zu jedem der angesprochenen Themen finden Sie hier Beiträge, Übungen und Tipps. Viel Spaß beim Lesen!

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